Prosa


"Mit Worten lässt sich trefflich streiten."

Johann Wolfgang von Goethe


Verwirrt

 

 

Ich hasse ihn. Mein Bruder hat meine Autoschlüssel versteckt und ich kam zu spät zur Arbeit. Mein Job ist weg und ich kam zu spät zur Arbeit. Mein Job ist weg und mein Bruder ist noch da. Ich hasse ihn.

 

Was ist heutzutage nur los? Die Welt ist nicht mehr alleine durchzustehen. Du brauchst Leute, die dir helfen. Aber was, wenn du nicht mehr weißt, wer dir hilft?

 

Was, wenn du niemanden mehr hast, der dir hilft? Was, wenn du niemanden mehr willst, der dir hilft? Was ist dann?

 

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, glaubte ich zumindest. Ich konnte mich nicht mehr richtig erinnern. Ich blieb mitten in der Stadt stehen und die Erinnerung war weg. Wo wollte ich hin? Ich nahm mein Handy, um jemanden anzurufen, aber wer war es noch gleich? Ich wusste es einfach nicht mehr. Vielleicht würde der Name mir wieder einfallen, wenn ich ihn lese, dachte ich. Wie lautete denn nochmal mein PIN? Ich war ratlos. Ich wollte einen Passanten fragen, der gerade an mir vorbeilief. Ich ging zu ihm und blieb dann stehen. Was wollte ich ihn noch gleich fragen? Da sah ich meinen Bruder, der panisch auf mich zu lief. Ich machte den Mund auf. Dann schloss ich ihn wieder. Was wollte ich diesem Fremden noch gleich sagen? Wieso wollte ich ihm etwas sagen? Wieso weinte er? Ich ging in eine nahegelegene Bar, aber wusste nicht wieso. „Einen“ Ich beendete meinen Satz eher, als gedacht, denn ich wusste nicht mehr, was ich bestellen wollte. Der Mann hinter dem Tresen starrte gebannt auf den Fernseher. Alle starrten dort hin. Ich wollte wissen, was so interessant war und sah mir die dort laufende Nachrichtensendung ebenfalls an. Man zeigte einen Mann, mich, am Steuer meines kaputten Autos mit einer Kopfverletzung. Unter dem Bild stand „Mann bei Autounfall gestorben“ Zum Glück kannte ich diesen Mann nicht.

 

Ein Mann stieg an einem Tag in ein Auto. Er fuhr und fuhr, aber kam nirgendwo an. Zurückfahren konnte er auch nicht, denn wo Zurück war, das hatte er vergessen. Und das einzige, was er wusste war, dass er, auch wenn er sich erinnern würde, niemals zurückkommen würde.

 

 

 

Kai Philipp


 

Gitarrensolo

 

 

 

Sie stieß die Tür mit voller Wucht auf und stampfte mit Gitarre auf dem Rücken aus dem Kleinfamilienhaus.

 

„Du kommst sofort zurück!“, brüllte ihre Mutter voller Wut. Sie drehte sich um und schrie: „Halts Maul! Du hast mir nichts zu sagen! Du bist nicht der Herr Gott auf Erden!“ Sie stampfte schneller weiter, während ihre Mutter irgendetwas herumbrüllte. Sie erwiderte es mit einem lautstarken „Fick dich!“. Voller Wut rannte sie durch die Kleinstadt zu dem Haus von einem ihrer einzigen Freunde. Auf dem Weg sah sie Nero. Sie rannte etwas freudiger auf ihn zu und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Als er sie bemerkte, öffnete er seine Arme und umarmte sie fest. „Was ist dieses Mal gewesen?“ „Ach, meine Mutter ist ein Arschloch, sonst nichts!“, murmelte sie in seine Lederjacke. Sie liefen weiter und redeten über ihre Probleme. Nero strich sich ein paar Mal durch seine rot-gelben Haare, um seinen punkigen Style nicht zu verlieren. Sie bemerkte auf einmal ein Würgemal auf Neros Hals, das von einem Halstuch fast komplett bedeckt wurde. Erschrocken riss sie die Augen auf: „Wer war das?“ Er zuckte zusammen und strich sich mit seiner rechten Hand über das Mal. „Mein Vater hat das neue Piercing entdeckt“, murmelte Nero sehr bedrückt. Voller Mitgefühl schaute sie in seine nussbraunen Augen und drückte sich an ihn. Sie konnte hören, wie er anfing, leise zu weinen und drückte sich sanft noch fester an ihn. Nach ein paar Minuten ließen sie sich los und schlenderten etwas befreiter zu ihren Ziel. Antony wartete schon mit Sonja und Chris in der Garage seines Hauses. „Da seid ihr ja endlich!“, rief Antony freudig und trommelte ein paar Takte auf seinem Schlagzeug. Sonja schlüpfte hinter dem Keyboard hervor und kam mit einem großen Lächeln und erhobenen Armen auf die beiden zu; sie hatte sich offensichtlich erneut geritzt. Chris blieb mit seinem Bass auf seinem Platz, während er freundlich grinste. Nach ihren Begrüßungshandschlägen ging Nero ans Mikrofon, Sonja ans Keyboard, Chris an den Bass, Antony ans Schlagzeug und sie packte ihre Leadgitarre aus. Sie spielten eines ihrer Lieblingslieder. Perfekt harmonisierten sie miteinander und Nero sang voller Emotion. Sonja rockte ihr Keyboard. Chris hatte seinen Bass voll im Griff. Antony gab den Beat an und sie verpasste dem Lied eine rockige Melodie.

 

„Eine schöne Erinnerung“, denkt sie sich, während sie sich im Schneidersitz und Gitarre in der Hand vor Neros Grab sitzt. Eine Träne rollt ihr über das Gesicht und sie fängt an den Saiten der Gitarre zu zupfen. Sie spielt eines seiner Lieder. Leise singt sie den positiven Text und weint leise.

 

Es war vor zwei Monaten: sein Vater und er mussten einkaufen gehen. Sein Vater hatte getrunken und war total besoffen. Sie seien von einem Zug erfasst worden, meinte die Polizei zu uns. Nero sei sofort tot gewesen. Nun beginnt das Gitarrensolo, das Nero extra für sie eingebaut hatte, um dem Lied ein gutes Ende zu verpassen. Sie lächelte traurig und ließ das Lied verstummen. Sie beugte sich etwas vor und flüsterte mit trauriger Stimme: „Sonja hat aufgehört mit dem Ritzen. Antonys Mutter ist aus dem Gefängnis. Chris hat seinen Krebs im Griff. Und ich bin jetzt in einer netten Familie. Wir spielen immer noch deine Songs. Wir vermissen dich!“ Dann steht sie auf und geht langsam zu dem dunkelblauen Auto, das auf sie wartet. Das Lied hallt immer noch in ihrem Herzen nach und sie lächelt aus vollem Herzen.

 

 

Von Kim Prigge

 


 

Verborgen

 

Geheimnisse. Verborgen in einer Sammlung von Buchstaben, die zu Wörtern werden. Keiner kennt sie, doch sind sie leicht zu enthüllen. Es macht mich traurig, solche Schönheiten mit niemandem teilen zu können. Einsamkeit bestimmt mein Dasein und kein Ausweg ist sichtbar. Die Tür bleibt verschlossen und die Staubkörner kuscheln sich immer enger aneinander. Mit dem Ticken der Uhr vergeht die stille Zeit. Es war nicht immer so. Früher interessierten sich zwei alte Hände und trübe, glänzende Augen für meine Schätze. Als die Sonne aufging, öffnete sich die Tür und erst als die letzten Strahlen hinter den Bergen verschwunden waren, schloss sie sich wieder. Ich teilte mein Geheimnis und das machte mich glücklich. Dann kam DER TAG und die Tür öffnete sich nie wieder. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nicht viel. Ich habe diesen Ort noch nie verlassen. Zu Beginn meines Daseins wusste ich überhaupt nichts. Eine zarte, weibliche Hand schenkte mir dieses Wissen. Nach und nach flossen aus der in Tinte getunkten Feder Buchstaben, die meine Seiten mit Worten füllten. Nur zwei Spiegel der Seele kennen meine Geheimnisse. Ich hoffe, dass sich die Tür eines Tages wieder öffnet, sonst wird der Inhalt meiner Seiten nie wieder enthüllt werden können. Das Geheimnis würde für immer verborgen bleiben.

 

 

...und plötzlich erfüllen Lichtstrahlen den Raum.

 

 

Lisa Kempter

 


Dunkel

 

 

 

Es ist dunkel.

 

Tief atme ich die frische Meeresluft ein. Die kühle, salzige Brise, die das breite gewebte Band auf meinem Kopf flattern lässt. Sanft streicht der nach Algen und Salz duftende Luftzug über meinen freien Nacken und lässt alle noch vorhandenen feinsten Härchen sich aufstellen. Ich strecke meinen Arm aus und kratze an einem Mückenstich an meinem Bein. Es schmerzt, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil! Der Schmerz gibt mir dieses sichere Gefühl. Omama war eine tolle Person. Sie ist immer mein größtes Vorbild gewesen. Ich sehe ihre ergrauten dünnen  Haare und ihr runzliges, vom Wetter gegerbtes Gesicht vor mich, als wäre es gestern gewesen. Sie waren schon lange ergraut, ihre Haare, aber dennoch war es nicht stumpfgrau. Nein. Ein immer präsenter, lebendiger, silberner Schimmer, der ihr besonders im Sonnenlicht einen königlichen Anschein verlieh, umspielte immer ihr gelocktes Haar.

 

Es ist dunkel.

 

Langsam hebe ich meine Hand und streiche über den so ungewohnt glatten Kopf. Es spürt jeden einzelnen Finger und meine Finger, so abgemagert, wie sie sind, fühlen jede kleinste Delle in der Kopfhaut. Ein Rad knarzt. Ich taste nach der Bremse und ziehe sie fester an. Von weitem trägt der Wind Kinderschreie heran. Eine Böe wirbelt Sand auf und bläst ihn mir gegen die nackten Füße. Wie Nadelstiche treffen sie meine Haut.

 

Eines Abends- ich war wie so oft bei Omama im Krankenhaus. Schläuche führten in ihre Nase, in ihren Arm, den Mund. Auch an ihrer Brust waren welche befestigt. Stetig flossen irgendwelche Flüssigkeiten durch diese. Ich wollte gar nicht wissen, was das alles war. Langsam drehte sie ihr altes Gesicht mit den so vertrauten falten, die ich wohl nie haben werde, zu mir und sagte ganz ruhig, als wäre sie von all den Geräten im Zimmer nicht betroffen: „Weißt du? Jeder Mensch, der jetzt zur Tür rein kämme, und mich sehen würde, würde denken: Die arme Alte. Das ist ja schrecklich! Die ist ja bereits halb tod. Gib´s zu, das waren auch deine Gedanken!“  Sie streckte einen fleckigen Finger aus und pickte mich mit erstaunlicher Kraft in die Brust.  „Aber sie liegen falsch! Merk dir: Wenn du fast nichts mehr mitbekommst, dann wirst du dich über die Schmerzen freuen. Denn solange sie da sind, hast du noch die Möglichkeit zu kämpfen. Solange es die Schmerzen gibt, gibt es dich auch!“ Sie gluckste. „ Ach ja, und noch was … Ein Krebs … gehört ins Meer…“ Mir war nicht so nach Lachen zumute. Wirklich verstanden hatte ich sie auch nicht.

 

Es ist dunkel.

 

Die Szene mit Omama geht mir jetzt durch den Kopf. Ich denke, ich beginne sie zu verstehen. Zwei Mädchen rennen kreischend in die Wellen. Als ich mich bücke, um die raue Tasche zu öffnen, in der meine Mutter die Sonnencreme aufbewahrt, stöhne ich auf. Ich presse die Hand gegen die Stelle an der Hüfte, wo sie mir Knochenmark entnommen haben. Schließlich schaffe ich es dann doch die kleine Flasche mit feingeriffeltem Deckel herauszunehmen, zu öffnen und meinen kahlen Kopf mit der kühlen Creme einzureiben. Meine Mutter ruft. Ich drehe den Rollstuhl um. Die Räder knirschen im Sand.

 

Es ist dunkel.

 

Mir schießt ein schlechter Witz durch den Kopf: Ein Krebs gehört ins Meer. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem sarkastischen Grinsen. Witzig.

 

Es ist dunkel. Warm streichelt die Mittagssonne meinen kahlen Kopf.

 

Johanna Zander

 


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